Patellaluxation

Luxatio patellae (Kniescheibenluxation) ist bei kleineren Hunderassen die häufigste Lahmheitsursache im Kniegelenksbereich. Die kongenitale Form wird in mediale und laterale Luxatio patellae unterteilt und kommt meist bei jungen, noch wachsenden Hunden ein- oder beidseitig vor. Sie kann aber auch bei älteren Tieren in Verbindung mit anderen Krankheiten wie z. B. Morbus Cushing oder Diabetes mellitus manifest werden.

Die traumatische Patellaluxation sollte von der genetisch bedingten spontanen Form abgegrenzt werden. Sie tritt i. d. R. nach einem Unfall, meist nur einseitig auf und wird von einer akut aufgetretenen hochgradigen Lahmheit begleitet. Intraoperativ sind ein Hämatom, zerrissene Kollateralbänder auf der medialen oder lateralen Seite und v.a. eine normal ausgebildete Trochlea und Patella vorhanden.

Untersuchungsgang: ¬†Abh√§ngig davon, ob die Untersuchung f√ľr die Zuchttauglichkeit oder Behandlung einer Patellaluxation durchgef√ľhrt wird, gibt es gewisse Unterschiede. Die Untersuchung zur Bek√§mpfung der nicht-traumatischen Patellaluxation wird nach dem Schweizer Untersuchungsmodell empfohlen (GRUNDMANN et al., 1999). Demnach sollte die Untersuchung erst nach dem 10. Lebensmonat erfolgen. Die Untersuchung beinhaltet die Anamnese, eine Allgemein- und gr√ľndliche orthop√§dische Untersuchung mittels einer standardisierten Palpation ¬†auf mediale oder laterale Patellaluxation. R√∂ntgenologische Untersuchung ist f√ľr die Zuchtzulassung nicht erforderlich. In speziellen Kursen wird der Untersuchungsgang gelehrt und ein von den Zuchtverb√§nden anerkanntes Zertifikat f√ľr die Untersuchungsberechtigung erworben.

Wenn Lahmheitssymptome vorhanden sind, sollte die Untersuchung der Patellaluxation so fr√ľh wie m√∂glich, d. h., schon bei 5-6 W. (!) alten Welpen erfolgen, um mit sofort eingeleiteten Therapiema√ünahmen einer sp√§ter nur mit gro√üem Aufwand zu korrigierenden Fehlentwicklung vorzubeugen.

Untersucht wird zuerst ohne Sedation oder Narkose beim Vorf√ľhren, am stehenden und am liegenden Tier. Beim Vorf√ľhren achtet man auf Gangart und Belastung der Hinterextremit√§ten, auf Varus- oder Valgusstellung, ferner Rotationsfehlstellung von Femur, Tibia, Knie- sowie Sprunggelenken und auf das Vorhandensein einer Muskelatrophie der Ober- und Unterschenkelmuskulatur. Danach kontrolliert man am stehenden und am auf der Seite liegenden Tier die Lage der Patella, mit und ohne Fingerdruck in Beugung, Streckung, Abduktion, Endo- und Exorotation.

Wird Patellaluxation festgestellt, so sollte die Femur-Tibia-Achse anhand einer ventro-dorsalen R√∂ntgen√ľbersichtsaufnahme, auf der Becken, Femora, Kniegelenke, Tibiae inklusive der Sprunggelenke abgebildet sind, √ľberpr√ľft werden. Bei Minirassen ist es leicht m√∂glich, mit einer einzigen Aufnahme auszukommen. Bei gr√∂√üeren Hunden sollen zur Erfassung der ganzen Gliedma√üe bis zum Sprunggelenk mehrere R√∂ntgenaufnahmen in einer unver√§nderten Lagerung geschossen und erst danach entwickelt werden. Auf der medio-lateralen Aufnahme sollten au√üer dem Kniegelenk der proximale Femur und die distale Tibia mit dem Sprunggelenk abgebildet sein. Dabei achtet man auf die Formen von Femur und Tibiakopf, die Lage der Patella und auf evtl. vorliegende arthrotische Gelenkver√§nderungen. Eine tangential zur Trochlea patellaris geschossene R√∂ntgenaufnahme zeigt die genaue Lage der Patella und die Ausbildung der Trochlea.

Mediale Patellaluxation

Die mediale Patellaluxation ist das augenfälligste Zeichen einer Fehlentwicklung der ganzen Gliedmaße. Sie kommt bei alle Rassen vor, prädestiniert sind Zwergrassen, wie Yorkshire Terrier, Klein- und Zwergpudel, Chihuahua, Papillon, Pekinese, Boston Terrier, Fox Terrier, Französische Bulldogge, Cavalier King Charles Spaniel, aber auch Chow-Chow, Shar-Pei, Appenzeller und Entlebucher Sennenhund. Art und Ausmaß der Fehlentwicklung sind unterschiedlich und umfassen:

a) verminderte Antetorsion und Varusfehlstellung des proximalen Femur,
b) Auswärtsrotation des Femur, 
c) Medialverlagerung der Quadrizepsmuskeln, 
d) Hypoplasie der medialen und Hyperplasie des lateralen Femurkondylus mit Abflachung der Trochlea patellaris, 
e) Einwärtsrotation und Valgus der Tibia, 
f) Verlagerung der Crista tibiae nach medial und 
g) Einwärtsstellung der Zehen.

Symptome:  Die patellare Fehlentwicklung wird in 4 Schweregrade unterteilt:

Grad I
Fortbewegung normal, selten Lahmheit, oft Zufallsbefund bei Untersuchung auf eine Lahmheit anderer Ursache (Perthes-Krankheit). Die Patella kann bei Streckung der Gliedma√üe mit den Fingern nach medial luxiert werden und gleitet spontan zur√ľck.

Röntgenbefund  Nur leichte Tibiarotation vorhanden.

Grad II
Zeigt sich ein Genu varum, Zehen einwärts rotiert, häufige spontane Luxationen während der Fortbewegung, angezeigt durch Tragen der Gliedmaße. Sind beide Gliedmaßen betroffen, wird beim Gehen das Strecken der Kniegelenke vermieden. Es besteht Rotationsinstabilität des Knies bis etwa 30 Grad und Einwärtsrotation der Crista tibiae beim Strecken des Kniegelenkes. Patella kann bei gestrecktem Gelenk leicht luxiert werden und verbleibt dann in luxierter Stellung.

Röntgenbefund  Besteht leichte Varusstellung des distalen Femur und leichte Valgusstellung der proximalen Tibia mit Osteophytenbildung am patellaren Trochlearand. Die Trochlea ist abgeflacht.

Grad III
Deutliches Genu varum mit Einwärtsrotation der distalen Gliedmaße. Bei einseitiger Luxation wird betroffene Gliedmaße getragen; bei beidseitigen Luxation erfolgt Fortbewegung mit kurzen Schritten und gebeugten Knien. Bei Kontraktion des M. quadriceps kann das Kniegelenk nicht gestreckt werden. Es besteht deutliche Rotationsinstabilität des Knies von 30-60 Grad sowie Einwärtsrotation der Crista tibiae und Tibia. Die luxierte Patella ist schwierig zu reponieren und reluxiert sofort wieder. Die Trochlea ist sehr flach und gelegentlich besteht zusätzlich ein vorderes Schubladenphänomen, infolge Überdehnung oder Riss des vorderen Kreuzbandes.

R√∂ntgenbefund¬† S-f√∂rmige Verkr√ľmmung von distalem Femur und proximaler Tibia mit schr√§gstehendem Kniegelenkspalt.

Grad IV
Gangbild entspricht Grad III, Welpen im Alter von 3-6 Mo. h√ľpfen oder belasten nur Vorderextremit√§ten. Es besteht ein Genu varum mit gebeugtem Knie. Patella ist nicht reponierbar (Ectopia patellae). Kontraktur der Flexoren des Knies ist palpierbar. Anstelle der Trochlea patellae ist eine runde Erhebung zu tastbar. Die Crista tibiae ist um 60-90 Grad nach medial gedreht.

Röntgenbefund  Veränderungen noch ausgeprägter als in Grad III.

Behandlung: ¬†Chirurgische Korrektur sollte zum fr√ľhest m√∂glichen Zeitpunkt erfolgen. Wird die Diagnose schon bei 5-6 Wo. alten Tieren (v.a. Pekinesen, M√∂psen und anderen chondrodystrophischen Rassen) gestellt, so wird die Patella operativ in eine anatomisch korrekte Stellung gebracht und hier durch laterale Kapselraffung mit resorbierbarem Nahtmaterial fixiert. Die weniger als 8 Wo. alten Patienten sollten in w√∂chentlichen Abst√§nden kontrolliert und bei einer erneuten Luxation sofort zwecks nochmaliger Kapselraffung reoperiert werden. Verlaufen die Zugkr√§fte des Quadrizepsmechanismus geradlinig √ľber die Trochlea patellae zum distalen Extremit√§tenteil, so vermag sich die Gliedma√üe durch den formativen Reiz des korrekten Muskelzuges entweder normal zu entwickeln oder zumindest kann eine Verschlechterung mit permanenter Patellaluxation verhindert werden.

Liegt die Tuberositas tibiae bis zu 30¬į medial bei Grad I, empfiehlt sich eine Kapselraffung oder Kapsel√ľberlappung. Bei Grad II bis III (Tuberositas tibiae 30-60¬į gedreht) ist eine Trochleavertiefung und Transposition der Crista tibiae nach lateral zu empfehlen. Bei Grad IV ist, wegen der ausgepr√§gten s-f√∂rmigen Verkr√ľmmung des distalen Femur und zu starker Innenrotation der proximalen Tibia eine Verlagerung der Tuberositas tibiae nicht m√∂glich. Solche Formen k√∂nnen nur durch eine proximale Tibiaosteotomie¬† und u. U. zus√§tzlich durch eine distale Femurverk√ľrzungsosteotomie (wegen der ausgepr√§gten Quadrizepskontraktur) einschlie√ülich Trochleavertiefung und Kapselplastik korrigiert werden.

Wurde die Gliedma√üe f√ľr l√§ngere Zeit beim Gehen hochgetragen, besteht meist eine so starke Quadrizepsatrophie und/oder Quadrizepskontraktur, dass ohne Arthrodese nur eine geringe Aussicht besteht, eine ann√§hernd normale Gliedma√üenbelastung zu erreichen.

 

laterale Patellaluxation

Diese tritt v.a. bei jungen Hunden mittlerer und großer Rassen wie Pudel, Cocker Spaniel, Irischer Setter, Alaskan Malamute, Flat Coated Retriever, Pyrenäenhund usw., seltener auch bei älteren Tieren von Minirassen auf. Die Luxation besteht vielfach beidseitig. Die Klassifizierung erfolgt wie bei der medialen Luxation beschrieben, wobei Grad IV extrem selten ist.

Behandlung:¬† Besteht keine ausgesprochene Einw√§rtsrotation des Femur, wird die Luxation je nach Ausma√ü mit Kapselraffung, Trochleavertiefung und medialer Transposition der Tuberositas tibiae korrigiert. In schwereren F√§llen m√ľssen je nach Typ der Missbildung Osteotomien des Femur und/oder der Tibia durchgef√ľhrt werden.